
20 Jahre Carino & Sandra
Vor 20 Jahren kam Carino in mein Leben.
Damals hatte ich einen ziemlich klaren Plan:
Ich wollte Reittherapeutin werden.
Dass dieser Weg später anders verlaufen würde als ursprünglich gedacht, ahnte ich damals allerdings noch nicht.
Der Wunsch dazu entstand bereits einige Jahre vorher — während eines Jahres-Praktikums auf einem besonderen Reiterhof in Schleswig-Holstein.
Dort kam regelmäßig eine Gruppe eines integrativen Kindergartens auf den Hof. Meine Aufgabe war es, beim Voltigieren eines der Ponys für Sicherheit zu sorgen.
Und obwohl ich damals noch keinerlei therapeutisches Fachwissen hatte, fiel mir jedes Mal etwas auf:
Die Kinder kamen oft laut, ungeordnet und insgesamt einfach sehr unruhig auf dem Hof an. Doch während der Zeit mit den Ponys veränderte sich vieles spürbar und sichtbar. Die Atmosphäre wurde
ruhiger, das Zusammensein wurde harmonischer und: manche Kinder wirkten plötzlich erreichbar, obwohl vorher kaum Kontakt möglich schien.
Diese Beobachtungen beeindruckten mich nachhaltig.
Damals entstand in mir der Wunsch, selbst therapeutisch mit Pferden zu arbeiten.
Carino
Länger suchte ich nach einem gangbaren Weg, diesen Wunsch in die Tat umzusetzen. Ich kündigte meinen Beamtenstatus (auf Lebenszeit) und verfolgte dann konsequent mein Ziel: Reittherapeutin zu werden. Als therapeutische Grundlage machte ich die 3-jährige Ausbildung zur staatlich anerkannten Physiotherapeutin. Im Anschluss an meine Ausbildung zur Physiotherapeutin begann ich dann, nach einem passenden Pferd zu suchen.
Ende Mai 2006 kaufte ich schließlich Carino, ein knapp 8-jähiges deutsches Reitpony.
Eigentlich dachte ich damals, ich würde ein Pferd kaufen, mit dem ich mich gezielt auf die spätere Weiterbildung und die therapeutische Arbeit vorbereiten könnte. Er war reiterlich zwar noch nicht wirklich ausgebildet, doch für diesen Schritt hatte ich mir ebenfalls Zeit eingeplant.
Doch ziemlich schnell wurde klar:
So, wie ich das geplant hatte, war es nicht umsetzbar. Nicht mit Carino.
Carino war freundlich, sensibel und Menschen sehr zugewandt — gleichzeitig stellte sich nach dem Kauf jedoch heraus, dass er extrem schreckhaft und oft nur schwer wieder zu beruhigen war, wenn ihn etwas verunsicherte.
Hinzu kam, dass mir für seine Ausbildung weder dauerhaft ein Reitplatz noch eine Halle zur Verfügung standen. Fast alles musste direkt im Gelände stattfinden.
Diese Kombination war herausfordernd und erforderte ein Umdenken meinerseits. Mit der Zeit entwickelte sich zwischen Carino und mir eine Vertrauensbasis — und eine Form der Verständigung, die es uns ermöglichte, trotz seiner Unsicherheit sicher miteinander unterwegs zu sein.
Dass das, was wir damit „erarbeitet“ hatten, besonders war, war mir damals gar nicht bewusst. Ich suchte einfach nach einer Möglichkeit, mit diesem so tollen Wesen sicher „unterwegs“ sein zu können, und Gott sei Dank wurde ich fündig. Dass dies der Grundstein für die ganzheitlich-funktionelle Therapie mit Tieren war, war mir damals ebenfalls in keinster Weise klar – noch hatte ich dies beabsichtigt.
Wie es weiterging
Ziemlich genau anderthalb Jahre später begann ich als nächsten Schritt, eine berufsbegleitende Weiterbildung zur Reittherapeutin zu machen.
Doch vieles von dem, was dort vermittelt wurde, ließ sich in meiner konkreten Situation mit Carino nicht oder zumindest nicht eins zu eins umsetzen.
Nicht, weil die Inhalte grundsätzlich falsch gewesen wären. Sondern weil meine konkrete Situation eine andere war.
Ich musste auch jetzt wieder einen anderen Weg finden, mit meinem sehr sensiblen und schreckhaften Pferd trotzdem sicher, verantwortungsvoll und therapeutisch sinnvoll arbeiten zu können.
Rückblickend entstand genau dort auf der Grundlage unserer anderen „Verständigungsweise“ etwas,
das meine heutige Arbeit bis heute grundlegend prägt:
Nicht nach festen Abläufen zu arbeiten,
sondern genau zu beobachten,
was in einer konkreten Situation tatsächlich möglich, sinnvoll und verantwortbar ist.
Das, was später zur ganzheitlich-funktionellen Therapie mit Tieren wurde,
entstand nicht aus der Theorie — und schon gar nicht aus dem Wunsch, eine eigene „Methode“ oder ähnliches zu entwickeln – absolut nicht. Es entstand schlicht aus praktischer Notwendigkeit.
Heute
Inzwischen sind fast 20 Jahre vergangen.
In dieser Zeit hat sich vieles verändert.
Lebenssituationen, Möglichkeiten, Tiere, Alltag — und auch die Anforderungen, die das Leben manchmal mit sich bringt.
Mit unserem Umzug Anfang 2018 begann noch einmal ein völlig neuer Abschnitt — für mich, aber auch für Carino und die anderen Tiere.
Vieles entwickelte sich anders als ursprünglich geplant und manches erforderte deutlich mehr Zeit und Kraft als vorher absehbar gewesen war.
Und trotzdem ist vieles geblieben.
Carino begleitet mich bis heute durch diese Arbeit.
In diesem Sommer wird er 28 Jahre alt.
Er ist nach wie vor eher „schneller beunruhigt“ als viele andere Pferde — insgesamt aber sehr viel erfahrener, ruhiger und gelassener geworden. Und in der Therapie ist er einfach ein Profi!
Gerade im Umgang mit kleinen Kindern spürt und sieht man bis heute, wie aufmerksam und zugewandt er sein kann. Und dabei stets respektvoll und – wenn er ein Mensch wäre würde man sagen rücksichtsvoll.
Mit zunehmendem Alter und anderen Herausforderungen war er die letzten Jahre in einer Art „Frührente“ – mit Teilzeitjob in der Therapie. Ganz in Rente zu gehen schien mir für ihn nicht pasend - einfach, weil er vor allem mit Kindern in den Settings aufblüht.
Dennoch hinterlässt sein stolzes Alters auch Spuren und vieles verändert sich. Besonders im letzten Winter ist es ihm gesundheitlich nicht gut gegangen und er musste seinen Einsatz in der
Therapie pausieren.
Umso dankbarer bin ich, dass er inzwischen wieder stabiler wirkt — und ich hoffe und freue mich darauf, dass wir noch viele schöne Jahre miteinander erleben dürfen.
Wenn ich heute auf die vergangenen 20 Jahre zurückblicke, wird mir vieles erst im Nachhinein wirklich bewusst.
Vor allem, wie entscheidend diese gemeinsame Entwicklung meine heutige Arbeit geprägt hat.
Ausblick
Das Jubiläumsjahr ist für mich auch ein Anlass, manches, das über viele Jahre gewachsen ist, künftig zusätzlich in anderer Form zugänglich zu machen.
Deshalb wird sich in der nächsten Zeit auch auf dieser Website einiges verändern.
Neben einem neuen Aufbau und zusätzlichen Einblicken in die therapeutische Arbeit werden nach und nach weitere Möglichkeiten entstehen, auf unterschiedliche Weise Zugang zu einzelnen Bereichen dieser Arbeit zu bekommen.
Auch innerhalb der Ausbildung wird es bald zusätzliche Zugangswege geben. Schauen Sie doch einfach wieder vorbei und entdecken, welche Möglichkeiten im Laufe des Jubiläumsjahres für Sie passend sind.
→ Jubiläumsnews
Danke
Ein großer Teil dieses Weges wäre ohne die vielen Menschen, besonders ohne die tatkräftige Hilfe meiner Eltern und Geschwister mit ihren Familien — und natürlich ohne meinen Mann und allen voran ohne meine Tiere, die den Therapiehof Brachfeld über die Jahre begleitet haben — nicht möglich gewesen.
Dafür bin ich sehr dankbar.
Mein größter Dank gilt jedoch Jesus, der es mir letztlich ermöglicht hat, diesen Weg überhaupt zu gehen und diese Art mit Tieren zu arbeiten überhaupt erst entstehen zu lassen.